Kopfabschluss


Verschwimmende Grenzen

Wie Phantastik und Realität einander beeinflussen

Ein Beitrag in der Artikelserie »Phantastische Realität«
Liste aller Beiträge

Fantasy? Da kloppen sich Orks und Zwerge, Elfen und Trolle, Drachen und Menschen; natürlich in einer ganz eigenen Welt mit reichlich Magie und oftmals abstrusen Lebensformen.
Richtig? Ja. Und nein. Fantasy ist weit mehr als das. Sie kann in vollkommen fremden Welten spielen, doch trotzdem greift sie die Themen auf, die wir von »zuhause« kennen. Sie kann umgekehrt aber auch gleich bei uns um die Ecke spielen, wo laut den jeweiligen Autoren magische Wesen ihre ewigen Kämpfe austragen. Jaja, Glitzervampire und sportliche Werwölfe gehören auch dazu, aber das ist nur ein kleiner Teil. Fantasy ist – das ist ja gerade das schöne an der Kraft der Phantasie – unendlich vielfältig. So gibt es auch endlose Möglichkeiten, die Realität mit einzuflechten. Sei es einfach als Vorlage für erfundene Völker und Gesellschaften oder als sehr reale Kulisse für eine phantasievolle Handlung. Im Folgenden möchte ich ein paar Möglichkeiten näher beleuchten.

Die Vorlage


Sicher das bekannteste Motiv in der Fantasyliteratur ist nicht zuletzt dank Tolkien der Krieg zwischen Gut und Böse vor einem etwa mittelalterlichen Hintergrund. Der gute John Ronald Reuel (dafür steht das J.R.R. bei Tolkien) hat sich zwar unglaublich vielfältige Völker ausgedacht, von Elben und Zwergen bis hin zu wandelnden Bäumen (den Ents und Huorns), aber seine Gesellschaften und Persönlichkeiten sind doch eher konventionell mittelalterlich: die friedliche, bäuerliche Kultur der Hobbits, der nicht immer ganz edle König der Elben, der gnadenlos böse Tyrann Sauron in Mordor. Und natürlich die wackeren Krieger, die dem Bösen die Stirn bieten. Gekämpft wird mit Schwert und Schild, Pfeil und Bogen, Morgenstern und Keule. Natürlich werden ein paar exotischere Waffen eingestreut, und auch größere Kriegsmaschinen, wie sie schon in der Antike bekannt waren, kommen zum Einsatz.

All diese Dinge finden sich in unglaublich vielen Fantasygeschichten wieder und sind für viele untrennbar mit dem Begriff Fantasy verbunden. Der gute und der böse König, der strahlende Held – oft erwachsen aus einem unscheinbaren Menschlein – und natürlich jede Menge Kampf, ob mit Stahl oder Magie.
Hier dienen Strukturen und Waffen der Historie als Vorlage, Könige, Ritter und Barden gab es ja nun mal alle in vergangenen Zeiten wirklich. Die Geschichten selbst sind ebenfalls vom wirklichen Leben inspiriert. Wie denn auch nicht? Bei aller Phantasie, wir schreiben doch immer über das, was wir kennen. Tolkien verarbeitete seine Erlebnisse im ersten Weltkrieg, heißt es. Und letztlich sind Serien wie »Twilight« auch nichts anderes als Romanzen mit phantastischem Beiwerk. Aber dazu kann meine liebe Autorenkollegin Meara Finnegan genaueres sagen, auf deren Artikel in dieser Reihe ich hiermit verweisen möchte. Er erscheint einen Tag nach meinem Beitrag.

Die Parabel


Ein wunderbarer Vertreter der Parabel in der Fantasy ist der leider viel zu früh verstorbene Großmeister Terry Pratchett. Auf seiner Scheibenwelt tummeln sich zwar ebenfalls die verschiedensten Völker, von denen die meisten uns auch von anderen Autoren bekannt sind, doch die Geschichten, die er um sie herum webt, weisen uns immer wieder auf unsere eigene Welt hin.
Als Beispiel möchte ich hier den Roman »Steife Prise« anführen (englischer Originaltitel: »Snuff«). Hauptmann Mumm von der Stadtwache in Ankh-Morpork verbringt einen höchst unfreiwilligen Landurlaub und gerät prompt in ein grausames Verbrechen. Am Anfang sieht es »nur« nach einem blutigen Mord aus, doch er kommt der brutalen Unterdrückung, Versklavung und beliebigen Ermordung von Goblins auf die Spur. Das Problem: Goblins sind zwar durchaus intelligent, liebenswert und sogar künstlerisch begabt, jedoch nicht als menschenähnlich anerkannt wie z.B. Zwerge, Trolle usw. Anders gesagt: Man behandelt sie gerne mal als niedere Tiere und fühlt sich auch noch im Recht dabei.

Kommt Ihnen das eventuell bekannt vor? So ist man vor gar nicht allzu langer Zeit auch mit den Einwohnern besetzter Länder umgegangen – Verzeihung, ich meine natürlich den armen Wilden in den Kolonien, denen wir fortgeschrittenen Europäer unsere glorreiche, überlegene Kultur gebracht hatten. So ein »Neger« oder auch Inder oder Chinese (britisches Empire) wurde gerne mal als kaum über den Tieren stehend angesehen und entsprechend behandelt. Was die Sklaven Amerikas zu erdulden hatten, ist ebenso hinlänglich bekannt. Den eigenen Sklaven konnte man totprügeln, das scherte niemanden.

Pratchett nimmt hier als Brite wohl speziell die Schandtaten des britischen Empires aufs Korn, doch steht dies nur beispielhaft für das Verhalten aller Kolonialmächte. Ich erinnere an den grausamen Völkermord an den Nama und Herero durch den deutschen Generalleutnant von Trotha und seine Schergen. Auch die Heidenmission zum Beispiel in Südamerika wurde ja gerne mit Feuer und Schwert vollzogen. Wer nicht zur »Religion der Nächstenliebe« konvertierte, starb.
Man könnte meinen, all dies ist lange her. Warum sich heute noch an diese ollen Kamellen aufhängen? Doch wenn ich mir den Zustand unserer Welt so ansehe … kann man nicht genug daran erinnern. Die gefährlichen Irren sind überall auf dem Vormarsch, und zwar leider bis die höchsten Ämter mächtiger Staaten.

Sir Terry hat übrigens mit seinem wundervollen Humor die Parabel und die Persiflage gemischt. So deckt er nicht nur Themen wie den Rassismus (u.a. in »Klonk!«, engl. Orig. »Thud!«) oder die Pressefreiheit (»Die volle Wahrheit«, engl. Orig. »The Truth«) ab, sondern ebenso die Rockmusik (»Rollende Steine«, engl. Orig. »Soul Music«) oder die Oper (»Mummenschanz«, engl. Orig »Maskerade«). Neben den bekannten Scheibenwelt-Romanen hat er aber zum Beispiel zusammen mit Stephen Baxter in der Reihe »Die lange Erde« auch sehr aktuelle geopolitische Schieflagen angesprochen.

Ein anderes Beispiel für eine äußerst eigenwillig umgesetzte Parabel ist die Trilogie um »Die linke Hand Gottes« (engl. Orig. »The Left Hand of God«) bzw. die Thomas-Cale-Trilogie von Paul Hoffman. Er geht wesentlich brachialer vor als Pratchett, wenn er seinen fanatischen, menschenverachtenden Erlöserorden immer wieder klar als von der christlichen Kirche inspiriert zu erkennen gibt. Im dritten und letzten Teil gibt der Autor einiges über seine offenbar schreckliche Zeit in einem Salesianer-College preis, die er in Form dieses Ordens verarbeitet hat. Daneben bezieht er sich aber auf Unmengen von historischen Ereignissen und Personen, was teilweise erst im Nachwort des dritten Bandes wirklich klar wird.

Die Grenzüberschreitung


Ein weiterer Großmeister der Phantastik, diesmal allerdings im Bereich Dark Fantasy und Horror (nicht zu vergessen Psychothriller, aber die sind ein anderes Genre) ist Stephen King. Bei ihm verschwimmen die Grenzen der Fantasy und der Realität in verschiedenster Weise. Seine »Arena« beispielsweise (engl. Orig. »The Dome«) spielt wie viele seiner Geschichten in einer typisch amerikanischen Stadt, die plötzlich durch eine unüberwindliche Wand von der Außenwelt abgeschnitten wird. All der folgende Horror – das ist typisch für King – entstammt jedoch der menschlichen Psyche. Er führt uns ja besonders gerne die Abgründe vor Augen, die in menschlichen Seelen lauern. Da der Spoiler dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut, verrate ich Ihnen mal, dass am Ende Außerirdische diese Wand errichtet haben, einfach um mal zu sehen, was passiert. Wie Kinder, die als eine Art Experiment gedankenlos Ameisen quälen. Das geht jetzt eher in Richtung Science Fiction, ist aber auch schon so ziemlich der einzige phantastische Anteil an der Geschichte.

Im Dunklen Turm dagegen lässt King die Welten von Phantasie und Realität beinahe ständig verschwimmen. Grundsätzlich spielen die Romane in einer Phantasiewelt, doch immer wieder glaubt man sich in einer Art dystopischen Zukunft der Erde wiederzufinden, so zum Beispiel mit dem scheinbar bösartig intelligenten Monorail-Zug Blaine, dann wieder wechseln die Hauptpersonen (die übrigens großenteils aus unserer Welt in die des Dunklen Turms hinübergezogen wurden) plötzlich auf eine verlassene Autobahn voller Wracks, die sehr an seinen Roman »The Stand« erinnert (tatsächlich sind das bewusste Anspielungen darauf).
Besonders bunt treibt der Autor es aber, als seine Figuren ihm persönlich begegnen. Sie landen auf einer Landstraße und treffen dort den Mann, der sie erschuf. Und sie sind alles andere als begeistert von ihrem Schöpfer, denn der ist ein Alkoholiker. King geht hier sehr offen mit seinem durchaus realen Alkoholproblem um, das er übrigens in einigen weiteren Romanen thematisiert, wenn beispielsweise seine Helden auch mal zu den Anonymen Alkoholikern müssen und dort Weisheiten erfahren, die der Autor in seiner AA-Zeit selbst lernen durfte.

Die Parallelwelt


Ebenfalls ein beliebtes Motiv der Fantasy ist die Welt, die der unseren zwar entlehnt ist, beinahe wie unsere aussieht, aber eben doch anders ist. Steampunk und Gaslight sind hier zwei einigermaßen bekannte Untergenres. Statt Antike und Mittelalter sind die Vorbilder hier meist eher das 18., 19. oder auch frühe 20. Jahrhundert.

Auch Markus Heitz lässt seine Drachen-Trilogie (»Die Mächte des Feuers«, »Drachengift« und »Drachenkaiser«) in einer solchen Welt spielen, die zwar in vielem an die 20er und 30er Jahre erinnert (bis hin zu so manchen historischen Persönlichkeiten), allerdings sind hier nicht massenmordende Nazis und sonstige Faschisten das größte Problem der Welt, sondern Drachen, die hinter den Kulissen die politischen Strippen der Menschheit ziehen. Wenn es wie hier gut gemacht ist, bereitet der ständige Aha-Effekt, wenn man wieder einmal die historische Realität erkennt, auf die der Autor anspielt, ein ganz eigenes Lesevergnügen.

Parallelwelten sind ja auch ein beliebtes Thema in der anderen großen Gattung der phantastischen Literatur, der Science Fiction. Auch hier lässt sich wunderbar so manches über unsere eigene Realität aussagen, wie uns ganz besonders Gene Roddenberry in seinem Star-Trek-Universum immer wieder vor Augen geführt hat. Eigentlich würde er gut weiter unten in das Kapitel über die Botschaft passen, da der Focus des Artikels jedoch auf der Fantasy liegt, belasse ich es bei diesen wenigen Worten.

Die Kulisse


Wolfgang Hohlbein muss hier als Beispiel herhalten. Denn seine Bücher spielen zu einem großen Teil in unserer ganz realen Welt, die von allerlei phantastischen Wesen und Dingen bedroht wird. Sei es der Einfluss einer anderen Dimension auf unsere Welt wie im »Druidentor«, sei es der Weltuntergang der christlichen Mythologie im »Widersacher« oder einer der vielen anderen Weltuntergänge, die Hohlbein gerne mitten in Deutschland oder angrenzenden Ländern inszeniert – und natürlich netterweise immer im letzten Augenblick noch abwendet. Nett finde ich auch, dass seine Bücher eben bei uns spielen und nicht wie so viele andere – auch deutschsprachiger Autoren – in Amerika.

Prompt kommt mein nächstes Beispiel genau dort her: »Die Chronik des Eisernen Druiden« von Kevin Hearne. Dieser lässt einen zweitausend Jahre alten keltischen Druiden (anfangs der letzte seiner Art) im heutigen Amerika gegen allerlei Götter und Sagengestalten antreten. Munter kämpft der Druiden mal mit Bacchus, plaudert dann mit Jesus (übrigens ein Schwarzer) und reist hinterher nach Asgard, um mal eben Thor umbringen (der bei ihm allerdings kein so netter Kerl ist wie bei mir). Außerdem treiben sich bei Kevin Hearne in unserer Welt beinahe alle Wesenheiten herum, die sich Menschen je ausgedacht haben, inklusive Hexen, Vampire und Werwölfe. Da tobt er sich beinahe noch mehr aus als sein erklärtes Idol Neil Gaiman in »American Gods«, das auf einem ähnlichen Ansatz basiert. (Und ich dachte damals, eine wahnsinnig originelle Idee zu haben …) Im Gegensatz zu Gaiman wechselt Hearnes Druide allerdings auch immer wieder in allerlei mythische Gefilde.
Bevor mir jemand einen Fehler vorwirft: Ich weiß, auch in »American Gods« gibt es so einen Wechsel, aber beileibe nicht so exzessiv.

Die Botschaft


Wo wir grad bei Jesus & Co. sind: Fantasy übermittelt auch Botschaften, wie jede andere Literatur ebenfalls. Manchmal beinahe aus Versehen nebenbei, in Pratchetts Romanen sehr bewusst, feinsinnig und teils subtil, ab und an aber auch mit dem Holzhammer.

Der von mir sehr geschätzte Autor Ralf Isau (Ich liebe seine »Geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz«.) vertritt beispielsweise in der »Galerie der Lügen« sehr offen die Idee des Intelligent Design. Das ist letztlich nichts anderes als Kreationismus mit pseudowissenschaftlichem Anstrich. Der Mann ist Programmierer und EDV-Berater – wie ich übrigens auch. Da wunderte es mich schon sehr, dass er sich tatsächlich mit so etwas anfreunden kann. Doch abgesehen von einem gewissen Unverständnis dafür (das sicher nicht jeder empfinden wird) liest sich dieses Buch trotzdem sehr gut. Ich bin versucht zu sagen, dass eben dieses Intelligent Design der einzige wirkliche Fantasy-Anteil an dem Buch ist (War das jetzt gemein?). Ansonsten ist es ein spannender Krimi mit teils recht ungewöhnlichen Protagonisten. Die Botschaft allerdings ist deutlich.
(Das Buch enthält noch mehr als das, aber lesen Sie es selbst!)

Ein extremes Beispiel für den Holzhammer ist dagegen die Reihe »Finale – Die letzten Tage der Erde« (engl. Orig. »Left behind«) von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins. Ich hatte mir vor vielen Jahren nichtsahnend die ersten beiden Bände dieses Machwerks (ja, dieser Ausdruck ist Absicht) auf dem Grabbeltisch bei Weltbild als Urlaubslektüre mitgenommen. Um es kurz zu machen: Von dreihundert Seiten Buch reichen etwa hundert für die eigentliche Handlung (eine an sich simple Weltuntergangs-Geschichte mit biblischem Hintergrund, natürlich in unserer Welt), der Rest ist massive Propaganda der übelsten Sorte. Einige der Kernaussagen:
Falls es nicht schon überdeutlich geworden ist: Ich kann nur jedem von diesen Büchern abraten, ganz besonders davon, sie Kindern oder Jugendlichen in die Hand zu geben. Leicht beeinflussbare Geister werden hier mit der vollen Breitseite von Arroganz und Menschenverachtung eingedeckt. Doch eben jene Beeinflussung ist Sinn und Zweck der Reihe.

Warum ich ausgerechnet diese Reihe erwähne? Weil sie den Anstoß dafür gab, selbst ebenfalls eine Botschaft in meine Romane mit aufzunehmen. Tatsächlich richtet sich mein Erstling (»Kurt – In göttlicher Mission«) genau gegen solche Leute wie LaHaye und Konsorten. Nun schlage ich nicht gleich mit dem Hau-den-Lukas-Hammer zu wie sie, allerdings bin ich, fürchte ich, auch weit von dem Feinsinn eines Terry Pratchett entfernt. Sagen wir, ich nehme den Drei-Kilo-Schlegel und packe ordentlich Watte in Form von Humor drumrum.
Besagter Erstling entstand in einer Zeit, als zwar Taliban und Al Kaida in aller Munde waren, doch man sieht nicht nur an Machwerken wie »Left behind«, dass jede Form von religiösem und nationalistischem Extremismus zu Hass und Gewalt führen muss, da können die Herrschaften noch so viel von der christlichen Botschaft der Nächstenliebe faseln. Auch die katholische Kirche war ja über Jahrhunderte groß im Abschlachten von Ketzern und Ungläubigen. Und die evangelische hielt sich da ebenfalls nicht zurück.
Die Überheblichkeit des »christlich-jüdischen Abendlandes« erlebt in den letzten Jahren eine geradezu furchterregende Blüte, und auch diese Entwicklung muss ich einfach in zukünftigen Büchern thematisieren. Denn ob menschenverachtende, hassgesteuerte Irre nun das schwarze Banner mit dem islamischen Glaubensbekenntnis schwingen oder die Hakenkreuzflagge, ob sie sich offen zu erkennen geben oder hinter einer »bürgerlichen« Fassade verstecken, gefährlich sind sie alle.

Der Appell


Hier nun liegt der Grund, warum ich dieses Thema gewählt habe. Wir Fantasy-Autoren schweben zwar gerne mal in höheren Sphären, doch wir leben trotzdem in derselben Realität wie Sie auch, mit denselben Gefahren. Und diese werden momentan beinahe täglich größer.
Wir alle haben eine Verantwortung.
Als Vater will ich, dass meine Kinder in einer anständigen Gesellschaft aufwachsen, in der sie nicht fürchten müssen, für die »falsche« Einstellung den Kopf wahlweise abgeschnitten oder mit dem Baseballschläger eingedroschen zu bekommen.
Als (atheistischer) Mensch will ich am Karfreitag meinen Schweinsbraten essen können, während der Jude neben mir nach etwas Koscherem verlangt, der Christ auf der anderen Seite natürlich nur Fisch isst und der Muslim gegenüber grad noch schnell den Gebetsteppich ausrollt. Und nach dem Essen sitzen wir zusammen bei Bier, Wein und Bleifreiem und schwätzen über Gott und die Welt, friedlich, als erwachsene Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Weltbildern.
Das ist meine Heimat, die will ich mir nicht kaputtmachen lassen. Weder von außen noch von innen. Wollen Sie das?

Wir als Autoren können zumindest in unseren Büchern vermitteln, was uns und vielen, vielen Anderen wichtig ist. Wir erreichen damit wenigstens ein paar Menschen (wir kleinen Autoren), oder auch eine ganze Menge (die großen Erfolgsautoren). Ich denke, dass die Mehrheit nur deshalb schweigt, weil sich sachliches Diskutieren mit hohlen Schreihälsen längst als sinnlos und ermüdend erwiesen hat. Doch das ist falsch! Die glauben so tatsächlich, sie seien »das Volk«, denn sie hören ja nur ihresgleichen herumbrüllen.
Sie, lieber Leser, schreiben vielleicht keine Bücher, aber auch Sie können den Mund aufmachen und Ihre Meinung kundtun. Besagte Schreihälse tun das andauernd mit voller Lautstärke. Wir sollten es ebenfalls tun. Und noch etwas können wir: Wählen. Auch hier gilt: Die Anhänger des blaubraunen Politspektrums werden mit Sicherheit hingehen. Ich weiß, das Angebot ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht berauschend, neuer blassroter »Messias« hin oder her (Warten wir ab, was er dann tatsächlich durchzieht …). Aber von mir aus wählen Sie die Tierschutzpartei, Hauptsache, Sie wählen.
Wenn wir das versauen, finden wir uns bald in einer Realität wieder, die Sie bisher nur aus Dystopien kennen. Merken Sie sich den 24. September 2017! Und gehen Sie hin! Bitte!
(Für Leser mit türkischem Pass gilt allerdings schon der 16. April.)

Ups! Das war jetzt doch der Hau-den-Lukas-Hammer, was?

*

Vorgänger-Artikel in dieser Reihe:
Elea Brandt: Depressive Drachentöter – Psychische Störungen in der phantastischen Literatur
Nachfolgender Artikel:
Meara Finnegan: Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen

*

Kommentare

Ich habe hier keine Kommentarfunktion wie die bloggenden Kollegen, wenn Sie mir aber Ihre Meinung über das Kontaktformular zukommen lassen, werde ich sie gerne »zu Fuß« auf dieser Seite einbauen. Homepage-Angaben bitte einfach im Text mit angeben, wenn ich was verlinken soll.
(Da ich das Feedback bekommen habe, jemand möchte mir mit seinem Kommentar keine unnötige Arbeit machen: Falsch! Ich freue mich über Kommentare, wirklich! Zwar werden die naturgemäß nicht sofort hier erscheinen, ich kann nicht immer gleich reagieren, aber ich meine das ernst! Schreiben Sie mir Ihre Meinung! Dann weiß ich, dass ich auf dieser Seite keine Selbstgespräche führe. )

-

Kommentar von: Elea Brandt
07.03.2017 21:55
Zuallererst wollte ich mich für die schöne Message deines Artikels bedanken. Kann ich nur so unterschreiben. Auch deine Beispiele fand ich sehr treffend gewählt, gerade bei Pratchett bin ich immer wieder überrascht, wie perfekt einige seiner Werke oder Zitate auf aktuelle Geschehnisse passen. Und dabei stammen die größtenteils aus den 80ern und 90ern.
Eine Sache stört mich aber trotzdem ein bisschen. Ich sehe es grundlegend problematisch, die in einem Werk dargestellte Welt automatisch mit der Einstellung des Autors zu verbinden. Unter dem Gesichtspunkt müsstest du mich vermutlich eine anti-feministische, gewaltverherrlichende Sadistin schimpfen, weil mein Debüt in einem solchen Setting spielt. ;) Nun ist es natürlich nicht so, dass ich dieses System in den Himmel lobe - weiß Gott nicht! - aber meine Figuren sind darin aufgewachsen und haben gelernt, sich zu arrangieren. Die zentrale Frage ist dabei also eher: Wie lebt es sich in einer derart menschenverachtenden Welt? Wie kommt ein normaler Mensch damit zurecht? Wie rechtfertigt jemand solche Gräuel? Die Bekämpfung solcher Strukturen ist weniger Thema.
In deinem Artikel schriebst du über LaHaye und Jenkins: "Eben jene Beeinflussung ist Sinn und Zweck der Reihe." Woher nimmst du die Gewissheit? Vielleicht - und das sage ich in völliger Unkenntnis des Inhalts - war ja die Überspitzung genau die Intention der Autoren?
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wäre immer vorsichtig, vom Inhalt eines Romans automatisch auf das Ansinnen des Autors zu schließen. Umgekehrt funktioniert das ja auch nicht immer. Pirinccis Katzen-Krimis hab ich damals echt gern gelesen - da hatte ich auch keine Ahnung, was für ein Ekel der Autor ist. ;)

-

Antwort von mir
08.03.2017 11:50
Prinzipiell gebe ich Dir mit Deinem Einwand recht, hätte allerdings eher erwartet, dass Du Dich auf meine Auslassungen bzgl. Ralf Isau beziehst. Hier könnte man tatsächlich noch annehmen, dass er dem Leser eventuell nur ein Gedankenspiel präsentiert. Wobei die Botschaft zu ID in seiner "Galerie der Lügen" (und einem weiteren Roman, den ich nicht gelesen habe) schon relativ deutlich ist. So wie man meiner Schreibe ja auch deutlich den Atheisten anmerkt …
Was allerdings LaHaye und Jenkins angeht, die sind ein ganz anderes Kaliber. Ich wollte in diesem Artikel nur nicht zu sehr auf die Hintergründe eingehen, aber Dein Einwand ist ein guter Grund, es doch zu tun.
LaHaye war (er ist 2016 gestorben) ein extrem rühriger evangelikaler Prediger und Lobbyist. Der Mann hat praktich sein ganzes Leben damit zugebracht, seine krude Ideologie zu verbreiten. Selbst aus Kirchensicht wird er kritisiert, wenn auch vor allem, weil er eben eine sehr – äh – eigenwillige Sorte Christentum vertritt. Hier war definitiv nicht die Überspitzung Sinn der Sache. Da ich jetzt nicht die Zeit für allzu lange Texte habe, verweise ich einfach mal auf die beiden Wikipedia-Artikel zu ihm und der angesprochenen Reihe: Tim LaHaye und Left behind (Zu Jerry B. Jenkins gibt es keinen Wiki-Artikel, aber man findet auch über ihn einiges im Netz.)
Davon abgesehen: Ich wusste nicht, womit ich es zu tun hatte (oder wer die Autoren sind), als ich diese Bücher gelesen habe. Die Botschaft brüllt einem aber wirklich so laut entgegen, dass sich mir unwillkürlich die Zehennägel aufgerollt haben.
Auch kann ich mich noch an einen Artikel vor vielen Jahren über ein zu dieser Reihe gehöriges Computerspiel erinnern. Die übliche Ballerei, allerdings mit »netten« kleinen Eigenheiten. So verliert man beim Töten von Feinden eine Art Seelenpunkte, die man aber durch fleißiges Beten wieder aufüllen kann. Genauer hab ich es nicht mehr im Kopf, aber irgendwie erinnert mich das an die Ideologie des Daesh (die Mörderbande, die sich fälschlich als »Islamischer Staat« bezeichnet). »Ungläubige« töten ist toll, und wenn's beim Attentat mal einen »wahren Muslim« (in deren Sinne) erwischt, dann heiligt der Zweck die Mittel, Allah wird's vergeben.
Was die Überspitzung angeht, sind wir dann schon eher bei Paul Hoffman und seiner Trilogie »Die linke Hand Gottes«. Der übertreibt mit seinem Erlöserorden die finsteren Seiten der Kirche ins Maßlose, das allerdings wohl mit voller Absicht. Sein Nachwort im dritten Band ist da recht aufschlussreich.
Wenn ich übrigens Dich anhand Deiner Texte als »anti-feministische, gewaltverherrlichende Sadistin« sehen würde, müsste man mich laut dem, was ich in der »Hand des Schicksals« vorhabe, wahlweise für einen A.Schwarzer-Fan, Scientologen, Rassisten, Anhänger des Kastensystems, Kinderschänder, Sektenfuzzi oder radikalen Kapitalisten halten. Ich bin mir des Unterschieds also durchaus bewusst. ;-)

-

Antwort hierauf von: Elea Brandt
08.03.2017 13:19
Danke, unter dem Gesichtspunkt erscheint mir deine Kritik tatsächlich angemessen (vor allem das Ballerspiel mit den Extra-Betpunkten find ich ja mal ... ähm ... ). Ich wollte dir auch gar nicht unterstellen, dass du Autorenmeinung und Romaninhalt nicht auseinanderhalten könntest, ich wollte nur noch mal betonen, dass man die Einstellung des Autors nicht immer automatisch aus seinen Texten herausfiltern kann. Wobei ich schon stark vermute, dass man beim Schreiben immer ein Stück von sich selbst in die Texte projiziert, ob man das jetzt will oder nicht. ;)

*

Und hier noch die Liste aller Beiträge:
20.02.2017:Meara Finnegan: Einleitung zur Artikelserie
20.02.2017:Janna Ruth: Fantasy – aber bitte mit echten Charakteren
21.02.2017:Leif Otten: Lichte Orks und schattierte Elfen
22.02.2017:Atir Kerroum: Paenitemini et credite Evangelio! Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde
23.02.2017:Christian Rieß: Braucht die Welt eigentlich noch Helden?
24.02.2017:Alessandra Reß: Requiem für den Relativismus
25.02.2017:Meara Finnegan: Military Fantasy und die Entglorifizierung des Krieges
26.02.2017:Jule Reichert: Blutgeld und Revolution – Gedanken um Fantasy und Konsum
27.02.2017:Claudia Mayer: Jugendliche im Generationenkonflikt – insbesondere in Dystopien
28.02.2017:Guddy Hoffmann-Schoenborn: Rassismus: Der stille Antagonist
01.03.2017:Manja Sieber: Queer times, queer folks, queer books
02.03.2017:Das Gaiety Girl: Dare Not Speak Its Name – Queere Identität im historischen Roman
03.03.2017:Murphy Malone: Team Why not Both?! – Liebesbeziehungen & Polyamorie in der Phantastik
04.03.2017:Janna Ruth: Erhabene Naturvölker, sprechende Bäume und der Konflikt mit der Zivilisation
05.03.2017:Laura Kier: Masken in Fiction und Realität
06.03.2017:Elea Brandt: Depressive Drachentöter – Psychische Störungen in der phantastischen Literatur
07.03.2017: Sascha Raubal: Verschwimmende Grenzen – Wie Phantastik und Realität einander beeinflussen
08.03.2017:Meara Finnegan: Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen
09.03.2017:Eva-Maria Oberman: Geschlechterrollen in der Fantasy
10.03.2017:Atir Kerroum: Sauron im Kreml – Fantasy in politischen Konflikten
11.03.2017:Katherina Ushachov: Ist das noch eine Dystopie? Wenn die Wirklichkeit die Fiktion einzuholen droht
12.03.2017:Fabian Dombrowski: Unterhaltung ohne Leben – Verloren im Labyrinth ewig wiederkehrender Topoi